Reformierte Kirche Greifensee

Der rätselhafte Wandspruch in der Kirche

Kein Menetekel, das mit Unheil droht, so viel ist sicher. Wenn man den gut sichtbaren Spruch im Innern unserer Kirche aber genau verstehen will, gibt er viele Rätsel auf.

«Wüssend dies Läben ein Ellend sin, nit ein Säligkeit.
Herr, kehr um unsere Gfängnuß wie die Bäch im Föhnen.»


Pfarrer Heer, langjähriger Pfarrer in Greifensee, hätte diesen Spruch am liebsten übermalt, als in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts diese Kirche renoviert wurde. Das ist auch verständlich, denn seine Herkunft ist nicht so alt, wie man vom Schriftbild und von der Sprache fälschlicherweise vermuten könnte. Er wurde erst etwa 50 Jahre vorher im Zuge einer verklärenden Nostalgie gegenüber Zwingli und der Zürcher Reformation an diese Kirchenmauer angebracht.
Die erste Zeile ist schnell erklärt: Das Wort «Elend» bedeutete früher auch Fremde, Ausland oder Verbannung. In unserem irdischen Leben sind wir also nicht wirklich zu Hause. Die fehlende «Seligkeit» ist nicht nur religiös zu verstehen. Es kann auch Glück, Schutz, Sicherheit und Wohlergehen bedeuten.

Zweite Zeile als Knacknuss
Die eigentliche Knacknuss liegt in der zweiten Zeile. Und es hilft auch nicht weiter, wenn man die entsprechende Bibelstelle aufschlägt (Psalm 126, 4). Die Übersetzungen sind sehr verschieden. Sie widersprechen sich sogar. Wie soll man das verstehen, dass Bäche umkehren? Fließen sie dann aufwärts, vertrocknen sie oder kriegen sie wieder neu Wasser? Und überhaupt: was hat der Föhn als typisch schweizerischer Südwind im Alten Testament zu suchen?

Jemen als Föhn?
Dabei müsste das hebräische Wort, das im Wandspruch mit «Föhnen» wiedergegeben ist, gar nicht übersetzt werden, weil wir es auch im Deutschen als Fremdwort kennen. «Jemen» steht an dieser Stelle. Es könnte damit also das noch heute als Jemen bekannte Gebiet ganz im Süden der arabischen Halbinsel gemeint sein. Jemen bedeutet aber auch: Mittag, Süden, Südland oder Südwind.
Der Wunsch der Juden nach einer Rückkehr aus dem babylonischen Exil in ihr Heimatland wird in Psalm 126 verglichen mit dem Umkehren von Bächen im Südland. Ist damit nun ein Austrocknen oder ein plötzliches Anfüllen mit Wasser gemeint, so wie man das von den Wadis in jener Gegend kennt?

Weltbild als Verständnishilfe
Für mich ist das damalige Weltbild der Schlüssel zum Verständnis. Der erste biblische Schöpfungsbericht, der ebenfalls aus der Zeit des babylonischen Exils stammt, schildert, wie Gott für alle Lebewesen einen Lebensraum eröffnet, indem er das Wasser durch die Himmelsfeste wie mit einer Käseglocke von der Erde trennt.
Die bewohnbare Welt ist oben und unten von Wasser umgeben. Die Flüsse werden in dieser Vorstellung nicht nur vom Regen aus dem Wasser über dem Himmel gespeist sondern ebenso vom Wasser des Urozeans unter der Erde. Die Sehnsucht nach einer Rückkehr an den Ort, wo man herkommt, lässt den Psalmbeter nach einer Entsprechung in Gottes Schöpfung suchen. Er findet sie in den ausgetrockneten Bächen, deren Wasser sich zu seinem Ursprungsort zurückgezogen hat.

Pfr. Theo Handschin